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Das Schneekind

Es lebten einmal ein alter Mann und eine alte Frau, die hatten weder Sohn noch Tochter, und ihre Fenster hatten sie mit Brettern zugenagelt. Einmal liegen sie auf dem Ofen, da sagt der Mann zu seiner Frau:
„Mir ist ein Gedanke gekommen; geh und bringe etwas Schnee!»
Die Alte brachte in einem Sieb Schnee. Den Schnee kneteten und kneteten sie, bis sie ein Schneekind herausgeknetet hatten. Das stellten sie in ihren Ofen. Es wurde trocken und begann zu wachsen, nicht von einem Tag zum andern, son¬dern von einer Stunde zur andern. So schnell wuchs es heran, da? es zum Fr?hjahr schon eine Jungfrau war. Die Leute im Dorf erfuhren, da? der Alte ein Schneekind hatte, und kamen gelaufen: „La? das Schneekind mit in den Wald zum Beerensammeln!» Sie baten wohl an die zwanzig Mal. Schlie?lich erlaubte es der Alte: „Es sei, geht nur!» Da machten sie sich auf den Weg. Die Alte hatte dem Schneekind ein Sch?sselchen mitgegeben und ein St?ck Brot. Schneekind hatte das Sch?sselchen genommen und auch das St?ck Brot. Die M?dchen essen, Schneekind aber pfl?ckt indessen Beeren und legt sie ins Sch?sselchen. Wie die M?dchen hinschauen, ist Schneekinds
Sch?sselchen schon voll, sie selbst aber haben noch gar nichts gepfl?ckt. Da wurden sie zornig und schlugen das Schneekind tot. Schlugen’s tot, das Sch?sselchen aber zerbrachen sie, die Beeren teilten sie, und das Brot a?en sie. Schneekinds Leib vergruben sie und steckten noch Weidenruten in die Erde dar?ber. Dann gingen sie heim. „Und wo ist unser Schneekind?» — „Wir wissen’s nicht, haben es verloren!» Da weinten sie bitterlich, aber das half auch nichts. Einmal fuhren Kaufleute mit ihren Waren denselben Weg, die hatten einen kleinen Sohn. Der sah, wie unter einem Strauch Rohr f?r eine Pfeife wuchs. „Vater, schneid mir eine Pfeife, ich will darauf spielen!» Sie schnitten ihm eine Pfeife, und er begann darauf zu spielen. Die Pfeife aber sang:
Lieber Knabe, leise, leise, Spiel und h?r die Trauerweise. Zwei Schwestern haben mich erschlagen, Haben mich unter dem Strauch begraben, Haben’s Sch?sselchen zerbrochen, Haben alle Beeren genommen, Haben zum Totenmahl ‘s Brot gegessen. Haben mich noch mit Ruten besteckt.
Sie fuhren weiter, und der Knabe spielt ohne Unterla?. Als sie zum Dorf kamen, wollten sie ausruhen und fuhren gerade zu jenem Alten. Der f?tterte die Pferde und stellte den Samowar auf den Tisch. Der Knabe aber sa? drau?en auf den
Stufen, holte sein Pfeifchen hervor und spielte das Lied:
Lieber Knabe, leise, leise. Spiel und h?r die Trauerweise. Zwei Schwestern haben mich erschlagen. Haben mich unter dem Strauch begraben. Haben ‘s Sch?sselchen zerbrochen. Haben alle Beeren genommen. Haben zum Totenmahl ‘s Brot gegessen. Haben mich noch mit Ruten besteckt.
Das h?rte die Alte: „Ach, wie klingt das sch?n. La? mich auch einmal versuchen.» Nahm’s, das Pfeifchen aber sang:
M?tterchen, ach leise, leise. Spiel und h?r die Trauerweise. Zwei Schwestern haben mich erschlagen. Haben mich unter dem Strauch begraben. Haben ‘s Sch?sselchen zerbrochen. Haben alle Beeren genommen, Haben zum Totenmahl ‘s Brot gegessen, Haben mich noch mit Ruten besteckt.
Als die Alte das geh?rt hatte, erbla?te sie: „Was ist das? Alter, spiel du einmal!» Der Alte nahm das Pfeifchen, das aber sang:
V?terchen, ach leise, leise.
Spiel und h?r die Trauerweise.
Zwei Schwestern haben mich erschlagen,
Haben mich unter dem Strauch begraben, Haben ‘s Sch?sselchen zerbrochen, Haben alle Beeren genommen, Haben zum Totenmahl ‘s Brot gegessen, Haben mich noch mit Ruten besteckt.
Viele Nachbarn waren zusammengelaufen, alle h?rten das Lied, und auch jene M?dchen waren herbeigekommen. Denen gibt die Alte das Pfeifchen. Das eine M?dchen aber, kaum da? es nach dem Pfeifchen greift, sinkt zu Boden: „Ich will nicht spielen!» Das Pfeifchen zerbrach, und im gleichen Augenblick sa? das Schneekind dort. Da freuten sie sich sehr, ich wei? gar nicht, was sie alles vor Freude angestellt haben. Die Kaufleute aber tranken ihren Tee und fuhren dann weiter zum Markt.

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