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Jeruslan Lasarewitsch

In einem Zarenreich, in einem Staat, und zwar in dem, in dem wir leben, lebten einmal zw?lf Rekken. Das ist noch nicht das M?rchen, sondern erst die Einleitung. Das M?rchen kommt noch, nach dem Mittagessen, nach dem weichen Vesperbrot.
Also gut, es lebten einmal zw?lf Recken. Und der st?rkste von ihnen war ein Recke namens Lasar Lasarewitsch.
Als Lasar Lasarewitsch zwanzig Jahre alt war, begannen Vater und Mutter, ihm eine Braut zu suchen. Aber da gab es bei ihnen folgenden Streit: Fand Lasar Lasarewitsch eine Braut f?r sich — gef?llt sie Vater und Mutter nicht; fanden Vater und Mutter eine — sagt sie Lasar Lasarewitsch nicht zu. Daher verzichtete Lasar Lasarewitsch aufs Heiraten. Und so bat er Vater und Mutter, er wolle durch die weite Welt reiten, sich die Menschen ansehen und sich hervortun.
Er ritt und ritt durch verschiedene L?nder und kam in ein Zarenreich. Und er h?rt in diesem Reich heftiges Jammern von Menschen. Aber als er in die Stadt kam, hatte sich das Jammern schon entfernt. Er fragte die ersten Leute, die ihm begegneten: „Was ist hier los, warum haben sie so heftig gejammert?»
Da erkl?rten sie ihm: Eine Jungfrau ist zum Fra? f?r einen Drachen weggef?hrt worden. Und wegen dieser Jungfrau haben sie so heftig gejammert.
Lasar Lasarewitsch fragte:
„Warum ist diese Jungfrau zum Fra? weggef?hrt worden? Vielleicht f?r ein Verbrechen?»
„Nein, ein Drache hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, bei uns herumzufliegen, und er fra? jeden Tag sechs bis sieben Menschen. Und da ist mit dem Drachen ein Vertrag gemacht worden, sie wollten ihm jeden Tag einen Menschen geben. Und nun ist das Los heute auf sie gefallen.»
Lasar Lasarewitsch gab seinem Pferd die Sporen und ritt zu dem Ort, wo sich der riesige Drache befand. Und dort stand eine H?tte, wohin die zum Fra? Bestimmten gef?hrt wurden. Lasar Lasarewitsch blickte in diese H?tte und sieht — da sitzt eine sch?ne Jungfrau mit verweinten Augen. Lasar Lasarewitsch trat in die H?tte, aber die sch?ne Jungfrau bemerkte ihn nicht.
Da begann Lasar Lasarewitsch zu sprechen:
„Warum, sch?ne Jungfrau, weinst du?»
Die sch?ne Jungfrau hob die Augen, erblickte den sch?nen Recken und antwortete wie folgt:
„Wie soll ich nicht weinen, wackerer Held? Gleich wird aus dem See ein riesiger Drache kommen und mich fressen. Geh im guten von hier weg, ehe es zu sp?t ist, sonst fri?t er uns beide! Auf mich ist wenigstens das Los gefallen, aber du w?rdest unschuldig verderben.»
Aber Lasar Lasarewitsch sagte zu ihr:
„Weine nicht, sch?ne Jungfrau! Hab keine Angst! Bleibe nur ich am Leben, dann bleibst auch du am Leben!»
Er trat zu ihr und bat, sie m?ge ihm den Kopf kraulen und ihn, sobald das Meer zu sch?umen beginnt, wecken.
Sie begann ihm den Kopf zu kraulen, und Lasar Lasarewitsch versank in k?rzester Zeit in einen tiefen Schlaf. Die sch?ne Jungfrau aber blickt aufs Meer und sieht — das Meer sch?umte und schlug Wellen. Sie erschrak und begann Lasar Lasare- witsch zu wecken. Doch wie sehr sie ihn auch zu wecken suchte, den tiefen Schlaf konnte sie nicht st?ren. Und auf einmal sah sie den Drachen, wie er ans Ufer stieg, ganz voll Schaum. Da zerflo? die Jungfrau in bitteren Tr?nen. Und der Strom ihrer Tr?nen traf gerade auf das wei?e Antlitz Lasar Lasarewitschs. Von den brennenden Tr?nen erwachte Lasar Lasarewitsch und sagt:
„Ach, wie lange hast du mit dem Wecken gewartet!»
Er blickte auf die Jungfrau, aber sie lag schon in Ohnmacht.
Der Drache aber, als er zwei Menschen sah, sprach mit Menschenstimme:
„Aha, anscheinend sind die Menschen hier reicher geworden: statt eines haben sie zwei geschickt!»
Darauf sagte Lasar Lasarewitsch folgendes:
„Wie denn, du gedenkst uns aufzufressen, ja?»
Der Drache antwortet:
„Ich habe nicht nur zwei auf einmal gefressen, sondern schon sieben auf einmal gefressen!»
Da rief Lasar Lasarewitsch:
„Und jetzt wirst du wohl schon an einem erstikken!»
Und mit aller Reckenkraft st?rzte er sich auf den Drachen, und es entbrannte zwischen ihnen ein heftiger Kampf.
Wie lange sie k?mpften — wir wissen es nicht. Nur, wie sehr der Drache auch ?ber Lasar Lasarewitsch herfiel — er konnte ihn nicht ?berwinden. Und auf einmal wurde der Drache ganz schwach und konnte sich nur noch mit M?he auf Lasar La¬sarewitsch werfen. Das bemerkte Lasar Lasarewitsch, nahm all seine Reckenkraft zusammen und schlug dem Drachen mit dem Schwert den Kopf ab. So verendete der Drache unter heftigen Kr?mpfen.
Lasar Lasarewitsch sieht — der Drache liegt entseelt; er kehrte wieder zu der sch?nen Jungfrau zur?ck. Aber die lag noch immer in Ohnmacht. Er besprengte sie mit Wasser. Die sch?ne Jungfrau kam zu sich. Sie sieht — vor ihr steht ein Recke. Sie fragt Lasar Lasarewitsch:
„Sage, wunderbarer Recke, wohin ist denn der Drache geraten?»
Und Lasar Lasarewitsch antwortet:
„Ich habe dir doch gesagt, sch?ne Jungfrau: bleibe nur ich am Leben, dann bleibst auch du am Leben. Sieh nur — der Drache liegt entseelt!»
Als die sch?ne Jungfrau auf den Drachen blickte, entsetzte sie sich und sprach:
„Lieber Recke, komm mit zu meinem Vater! Meine Augen wollen dieses Ungeheuer nicht se¬hen!»
Sie kamen zur ersten Wegkreuzung, und Lasar Lasarewitsch wollte nach rechts abbiegen. Da bat die sch?ne Jungfrau:
„Warum gehst du fort, wunderbarer Recke? La? uns zu meinem Vater reiten. Er wird dich mit allem belohnen, was du dir nur w?nschst.»
Lasar Lasarewitsch entschlo? sich, mit der Jungfrau zu reiten. Und als sie zu ihrem Hause kamen, st?rzte der Vater ihnen entgegen und fragte die Tochter:
„Was ist das, liebes T?chterchen? Ist denn der Drache zu unserem Gl?ck heute nicht herausge¬kommen?»
„Doch, Vater, der Drache ist herausgekommen, aber es hat sich hier dieser Recke gefunden und den Drachen erschlagen.»
Der Vater lud Lasar Lasarewitsch zu sich ein, und als sie am Tisch sa?en, bewirtete er ihn mit dem, was Gott beschert hatte, wie man so sagt. Und danach fragt er:
„Wie kann ich Euch danken, wackerer Ritter, f?r die Rettung unserer Tochter?»
Lasar Lasarewitsch blickte auf die sch?ne Jungfrau und sagt:
„Erlaubt mir, ein Wort zu sagen, und werdet nicht zornig. Ich habe gro?en Gefallen an Eurer Tochter. Segnet uns zur Ehe, wenn ihr nicht widersprechen wollt!»
Der Vater widersprach Lasar Lasarewitsch nicht. Er segnete ihn zur Ehe mit seiner Tochter. Und Lasar Lasarewitsch brachte seine junge Frau nach Hause zu seinen Eltern.
Lasar Lasarewitsch hatte mit seiner Gemahlin ein Jahr gelebt, da wurde ihnen ein Sohn geboren. Sie gaben ihm den Namen Jeruslan. Als Jeruslan anderthalb Jahre alt war, sah er aus wie ein gro?er Junge und war so eigenwillig, da? die Mutter ihm nur irgend etwas nicht recht zu machen brauchte, und gleich ri? er die Seidenvorh?nge und Seidenschn?re der Wiege in Fetzen.
Jeruslan wuchs heran und begann auf den wei?en Hof zu gehen und sich mit den Bojarenkindern, seinen Altersgenossen, zu tummeln. Und folgendes Ungl?ck trug sich immer wieder mit ihm zu: Wen er an den Arm fa?te — dem wurde der Arm abgerissen, wen er mit der Hand schlug — der fiel um und r?hrte sich nicht mehr, und wen er am Kopf ergriff — der stand ohne Kopf da. Die Altersgenossen aber waren alle Bojarenkinder.
Da gingen die Bojaren zu Lasar Lasarewitsch. Sie sagen zu ihm:
„Wir sind zu dir mit einer Bitte gekommen. Du hast einen Sohn Jeruslan. Er kommt zu unseren Kindern auf den wei?en Hof zum Spielen. Aber er ist gar zu stark: wen er am Arm fa?t — dem wird der Arm abgerissen, wen er mit der Hand schl?gt
- der st?rzt zu Boden, und wen er am Kopf packt
- der steht ohne Kopf da. Viel Kraft hat Jeruslan, viel! Nur da? bei uns wegen seiner Kraft die Tr?nen flie?en. Wir bitten dich, erweise uns die Gnade, schick ihn von hier fort!»
Lasar Lasarewitsch kam zu seiner Frau. Seine Frau fragte ihn:
„Was ist mit Euch, mein lieber Mann? Ihr seid so sehr bek?mmert.»
„Wie soll ich nicht bek?mmert sein, mein liebes Weib», antwortet Lasar Lasarewitsch; „bei guten Menschen werden die S?hne geboren, in der Jugend zur Freude, im Alter zur St?tze und nach dem Tode zum Gedenken. Aber uns bereitet mein Sohn Jeruslan nur gro?en Kummer. Die Bojaren beschweren sich ?ber ihn, bitten, ihn von Hause wegzuschicken. Sie sagen, er verf?hrt ungeb?hrlich mit den Bojarenkindern.»
So sagte er, und seine Frau weinte. Und Jeruslan h?rte, wie Vater und Mutter ihr Schicksal ver¬fluchten.
Da trat er in ihr Gemach, verneigte sich tief bis zur Erde und sagte:
„Teure Eltern, scheltet mich nicht und murrt nicht ?ber euer Schicksal. Ich wei?, da? die Bojaren zornig auf euch sind, und ich selbst werde meiner Kraft nicht froh. Es scheint, ich mu? durch die weite Welt streifen, mir die Menschen ansehen und mich hervortun. Nur brauche ich ein st?hlernes Schwert und eine Reckenr?stung, und dann kann ich mich auf den Weg machen.»
Das h?rte die Mutter und begann noch mehr als vorher zu weinen. Aber Jeruslan trat zu seiner Mutter und redete ihr gut zu.
„Weine nicht, liebes M?tterchen, all das ist zum besten. Mir ist gar nicht weh ums Herz. Ich reite mit gro?er Lust, nur schade, da? es mir an einem Reckenpferd fehlt!»
Da wunderte sich Lasar Lasarewitsch:
.Was hei?t das? Pferde habe ich viele in meinem Stall. Du kannst dir aussuchen, welches du willst!»
Aber Jeruslan Lasarewitsch widersprach ihm:
.Mein lieber Vater! Schon l?ngst habe ich die Pferde in unserem Pferdestall gepr?ft. Sobald ich meine Hand auf ein Pferd lege, h?rt dieses Pferd auf zu atmen. Das eben ist mein Kummer, da? in unserem Stall kein schnelles Pferd f?r mich ist!»
„Nun gut, Jeruslan! Wenn diese f?r dich nicht taugen, dann reite in die Bannwiesen. Ein W?chter ist dort, Iwaschka mit Namen. Mein Pferdeknecht ist er, h?tet die Pferde schon drei?ig Jahre. Bei ihm kannst du dir ein gutes Pferd aussuchen.»
Jeruslan Lasarewitsch machte sich fertig zur Reise. Er nahm einen t?rkischen Sattel mit, eine Riemenpeitsche und eine Pferdedecke, dazu eine lange Lanze und ein st?hlernes Schwert. Nahm Abschied von Vater und Mutter und trat froh aus dem wei?en, steinernen Palast.
Ging er nun lange oder kurze Zeit, nah oder fern — ein M?rchen ist bald erz?hlt, aber eine Tat wird nur m?hsam getan.
Er ging und ging und stie? pl?tzlich auf eine breite Stra?e. Die Stra?e war von Pferdehufen zerstampft. Der Recke sah’s und wunderte sich: Was hei?t das? Wer reitet auf dieser Stra?e? Eine gro?e Streitmacht, oder hat ein Recke die Stra?e so zerstampft? Aber er brauchte nicht lange zu ?berlegen: er sah eine Pferdeherde gerade auf sich zukommen. Die Pferde jagten im Galopp vorbei. Jeruslan Lasarewitsch weidete sich am Anblick der Pferde, aber zu fangen wagte er sie nicht. Und wieder sieht er: hinter der Herde kommt ein Recke geritten, und das Pferd unter ihm ist ein starker Schecke. Der Recke ritt neben Jeruslan Lasarewitsch, hielt sein Pferd an und verneigte sich tief vor ihm: „Viele Jahre Gesund¬heit w?nsche ich dir, Jeruslan Lasarewitsch!» Jeruslan Lasarewitsch wunderte sich: „Woher wei?t du denn, wackerer Recke, wer ich bin?»
„Wie soll ich das nicht wissen?» antwortet der Recke. „Ich habe dich doch schon von klein auf gesehen. Wu?te, wie du in der Wiege gelegen und die Seidenvorh?nge zerrissen hast. Ich bin der treue W?chter deines Vaters, man nennt mich Iwaschka, mein Pferd aber — Siw Alotjagilej. Und nun, Jeruslan Lasarewitsch, sage, aus welchem Grunde bist du hier? Hat der Vater dich geschickt, oder bist du von selber gekommen?» Da sagte Jeruslan Lasarewitsch: „Nicht der Vater hat mich geschickt, und nicht von selber bin ich gekommen. Ich will durch die weite Welt streifen, mir die Menschen ansehen und mich hervortun. Nur die eine Sorge habe ich, da? ich kein Reckenpferd habe.»
Darauf sagte Iwaschka das folgende:
„Sei nicht traurig, Jeruslan Lasarewitsch, das l??t sich in Ordnung bringen. Ich werde dir helfen, ein Pferd zu finden. Es wird ein gutes Pferd sein. Warte bis morgen: mit Sonnenaufgang werde ich meine Herde zur Tr?nke treiben. Versteck dich in einem Hinterhalt nahe der Stra?e. Es wird ein schwarzes Pferd gerannt kommen — Schwarzer Sturmwind mit Namen -, das mu?t du fangen. Vermagst du’s zu fangen, wird es dein Pferd. Vermagst du’s nicht, wirst du das Pferd nicht zu sehen bekommen.»
Am Morgen versteckte sich Jeruslan vor Son-nenaufgang in einem Hinterhalt nahe der Stra?e. Als sich am Horizont die rote Sonne zeigte, erblickte er eine ganze Herde Pferde. Die Pferde kamen an ihm vorbei.
Jeruslan h?lt Ausschau: wo ist denn hier das Reckenpferd Schwarzer Sturmwind?
„Aha, dort l?uft es!»
Der Schwarze Sturmwind lief zum Flu? und trank das kalte Wasser. Als er sich satt getrunken hatte, schlug er mit seinem Huf die Erde. Unter seinen Hufen spr?hten die Funken, und eine gro?e Flamme fuhr empor. Und vor diesem Hufschlag verbargen sich alle Tiere in ihren H?hlen, und die V?gel flogen zum Himmel empor. Das Pferd wandte sich um und jagte dorthin, wo Jeruslan Lasarewitsch ihm im Hinterhalt auflauerte.
Sobald es auf gleicher H?he mit Jeruslan Lasarewitsch war, kam Jeruslan aus seinem Hinterhalt hervorgeflogen wie ein schneller Pfeil vom straffen Bogen, packte das Pferd an der langen M?hne und zog mit seiner m?chtigen Hand so stark, da? das Pferd nicht standhielt und auf die Vorderbeine st?rzte. Es lie? zu, da? Jeruslan Lasarewitsch ihm den geflochtenen Z?gel anlegte, den t?rkischen Sattel und die Decke, und lie? Jeruslan Lasarewitsch gef?gig aufsitzen.
Jeruslan Lasarewitsch bestieg das Pferd, und sein Herz begann zu schlagen, und seine Seele dr?ngte in die un?berschaubare Ferne. Gerade wollte Jeruslan Lasarewitsch reiten, da erschien Iwaschka auf seinem Siw Alotjagilej. Jeruslan Lasarewitsch hielt sein Pferd zur?ck und wartete auf Iwaschka. Der kam, und Jeruslan Lasarewitsch dankte ihm f?r seinen Rat und sagte:
„Dieses Pferd wird f?r mich das richtige sein!»
Und er sagte noch:
„Sobald du zum Vater kommst, Iwaschka, — ?berbringe ihm meinen ergebenen Gru? und sage: ,Dein Sohn hat ein herrliches Pferd gefunden und ist in ferne L?nder geritten, das Gl?ck zu suchen.
Iwaschka sah sich um, aber Jeruslan Lasarewitsch war schon l?ngst nicht mehr zu sehen.
Jeruslan Lasarewitsch ritt lange Zeit, kommt auf ein weites Feld und sieht — auf dem Felde liegt eine gro?e Streitmacht, v?llig geschlagen. Er ritt in die Mitte des Feldes und rief:
„Nun, ist keiner in diesem Heer am Leben?»
Und aus dem Berg toter K?rper erhebt sich ein Krieger und fragt:
„Was willst du, wackerer Recke?»
„Sage mir doch, wackerer Mann, wem geh?rt diese gro?e Streitmacht?»
„Diese gro?e Streitmacht geh?rt dem F?rsten Fedoul Smejewitsch .
„Und wer hat sie geschlagen?»
„Geschlagen hat sie Iwan der russische Recke.»
„Und in welche Richtung ist Iwan der russische Recke geritten?» fragt Jeruslan Lasarewitsch.
„Reite rings um dieses Feld, und du wirst die Spuren Iwans des russischen Recken sehen. Denn sein Pferd w?hlt mit den Hufen ganze H?gel auf. Nur wirst du ihn wohl nicht einholen: sein Pferd — Wunder ?ber Wunder, Staunen ?ber Staunen — steigt beinahe h?her als der ragende Wald und streift beinahe die ziehenden Wolken.»
Jeruslan Lasarewitsch wendete sein Pferd und stie? bald auf die Spuren Iwans des russischen Recken. Er lie? seinem Pferd die Z?gel schie?en, ritt und ritt und stie? auf eine andere gro?e Streitmacht. Und die lag gleichfalls geschlagen.
Jeruslan Lasarewitsch ritt in die Mitte und rief laut:
„Ist einer am Leben in der gro?en Streitmacht?»
Da erhebt sich aus dem Berg toter K?rper ein Krieger und sagt:
„Was willst du, wunderbarer Recke?»
„Ich m?chte gern wissen, wem diese gro?e Streitmacht geh?rt und wer sie geschlagen hat.»
„Diese gro?e Streitmacht geh?rt dem F?rsten Fedoul Smejewitsch, und geschlagen hat sie Iwan der russische Recke.»
„Und in welche Richtung ist Iwan der russische Recke geritten?»
„Reite rings um das Feld und du wirst bald seine Spur finden. Denn er hat ein Wunderpferd. Ganze H?gel w?hlt sein Pferd mit den Hufen auf. Du wirst ihn wohl bald einholen, denn ich sehe — das eine Pferd ist besser als das andere, und der eine Held ist k?hner als der andere.»
Jeruslan Lasarewitsch ritt um das Feld herum, stie? bald auf die Spur Iwans des russischen Rekken und jagte seinen Schwarzen Sturmwind in vollem Galopp der Spur nach.
Er ritt und ritt lange Zeit, und endlich sieht er — auf einer Wiese ist ein wei?es Leinenzelt aufge¬schlagen. Und an diesem Zelt steht ein Pferd angebunden und fri?t Mais. Jeruslan Lasarewitsch stieg von seinem Pferd, lie? es laufen, und der Schwarze Sturmwind ging zu dem Mais. Das andere Pferd witterte das starke Pferd und ging weg von dem Mais. Und Jeruslan Lasarewitsch betritt das wei?e Leinenzelt und sieht: da liegt ein Recke und ruht in tiefem Schlaf. Jeruslan betrachtete ihn, wollte ihn wecken, besann sich aber und wollte den s??en Schlaf des Recken nicht unterbrechen. Er streckte sich in seiner ganzen Gr??e aus und sank gleichfalls in tiefen Schlaf. Und als er aufwachte, sieht er — vor ihm steht ein Recke.
Und das war Iwan der russische Recke.
Iwan der russische Recke sieht, da? der unbekannte Gast aufgewacht ist, nimmt einen Becher, f?llt ihn mit funkelndem Wein und sagt:
„Nach unserer russischen Sitte m?chte ich dich bewirten, wunderbarer Recke. Wer bist du und woher kommst du?»
Jeruslan Lasarewitsch dankte Iwan dem russischen Recken f?r das freundliche Wort und den berauschenden Wein, leerte den Becher und begann, alles der Reihe nach von sich zu erz?hlen.
Und folgendes sagte zu Iwan dem russischen Recken Jeruslan Lasarewitsch:
„Ich habe geglaubt, ich werde keinen in der Welt finden, der mir gleich ist, aber jetzt sehe ich, es gibt auf der Welt einen viel St?rkeren als mich. Vergib mir und la? uns beide Br?derschaft schlie?en. Sei du mir der ?ltere Bruder, und ich will dir der j?ngere Bruder sein!»
Sie schlossen Br?derschaft und begannen wieder zusammen zu essen und einander mit funkelndem Wein zu bewirten. Und als sie getrunken hatten, fragte Jeruslan Lasarewitsch Iwan den russischen Recken:
„Warum hast du auf dem Felde die zwei gro?en Heere geschlagen?»
Iwan der russische Recke antwortet: „Wie h?tte ich denn handeln sollen, lieber Bruder? Ich liebe Kandaula, die Tochter Fedoul Sme- jewitschs mehr als die helle Sonne und bin geritten, um sie zu freien; aber ihr Vater hat mich mit einem unz?hlbaren Heer empfangen. Da haben wir gek?mpft — und du siehst, wieviele Krieger bei
Zar Fedoul gefallen sind. Und jetzt habe ich beschlossen, ihm folgendes zu sagen: ,H?r auf, Fedoul Smejewitsch, das Leben unschuldiger Menschen zu opfern, gib mir Kandaula Fedoulowna zur Frau und la? uns im guten auseinandergehen!
Iwan der russische Recke ritt zur?ck zum Zarenreich Fedoul Smejewitschs, bei Fedoul um die Hand seiner Tochter zu bitten. Und Jeruslan Lasarewitsch ritt zusammen mit ihm, um zu sehen, wie das Freien Iwans des russischen Recken enden w?rde.
Ein kleines St?ck vor der Stadt blieb Jeruslan Lasarewitsch unter einer breitastigen Eiche zur?ck. Iwan der russische Recke aber ritt bis an die Stadt heran, wo Fedoul Smejewitsch mit seinem Heer stand.
Iwan der russische Recke stie? in sein Kriegshorn. Und Fedoul Smejewitsch, als er die T?ne des Horns geh?rt hatte, sammelte sein Heer. Er f?hrte das Heer aus dem Stadttor und stellte es in Kampfordnung auf. Aber Iwan der russische Rekke gab Zeichen, da? er friedliche Verhandlungen f?hren will. Dagegen hatte Fedoul Smejewitsch nichts einzuwenden, er erinnerte sich, wie Iwan der russische Recke ihm zwei gro?e Heere geschlagen hatte.
Iwan der russische Recke kam zu ihm und sag¬te:
„Warum, Fedoul Smejewitsch, vergie?t du das Blut unschuldiger Menschen? Warum willst du mir deine Tochter Kandaula Fedoulowna nicht zur Frau geben? Wei?t du denn nicht: ich werde sowieso die Oberhand ?ber dich behalten, und die wundersch?ne Kandaula wird meine Frau werden. Machen wir es doch lieber so: gib mir deine Tochter Kandaula Fedoulowna zur Frau — und wir kommen ohne Blutvergie?en aus!»
Wie Fedoul Smejewitsch auf Iwan den russischen Recken und auf sein Heer blickte, dachte er: zu stark ist dieser Recke, man kann ihn nicht bezwingen.
Und er war auf der Stelle einverstanden, ohne den Kampf zu er?ffnen.
Und alle ritten als G?ste zu Fedoul Smejewitsch.
Fedoul Smejewitsch gab ein Fest und bewirtete Iwan den russischen Recken — seinen k?nftigen Schwiegersohn — und Jeruslan Lasarewitsch.
Sie tranken aus und begannen ein Gespr?ch: wie kann Iwan der russische Recke m?glichst schnell mit Kandaula Fedoulowna getraut werden? F?rst Fedoul war nun mit allem einverstanden, und bald fand die Hochzeit seiner Tochter mit Iwan dem russischen Recken statt.
Nach der Trauung setzten sich alle zu Tisch und begannen wieder zu feiern. Und Jeruslan Lasare- witsch wandte sich mit den folgenden Worten an die F?rstin Kandaula Fedoulowna:
„Teure Kandaula Fedoulowna! Sage, gibt es in der Welt eine, die sch?ner ist als du?»
Kandaula Fedoulowna sagte:
„Was bin ich schon f?r eine Sch?nheit? Aber im Debrischen Zarenreich — dort gibt es eine Sch?nheit. Es steht auf dem Felde ein wei?es Leinenzelt. Und in diesem Zelt wohnen drei Schwestern. Von diesen drei Schwestern die j?ngste — die ist sch?ner als ich.»
„Und sage, F?rstin, gibt es in der Welt einen, der st?rker ist als ich, au?er Iwan dem russischen Recken?»
Da sagte die F?rstin zu ihm:
„Ich habe geh?rt, im Zarenreich Dalmatien gibt es einen W?chter Iwaschka, genannt Wei?er Mantel, Sorotschinsker M?tze. An dem kann kein einziges Tier vorbeilaufen, kein einziger Vogel vorbeifliegen und kein einziger Recke vorbeireiten. Alle besiegt er. Aber ich kann nicht sagen, wer von euch st?rker ist — Iwaschka oder du!»
Da sagt Jeruslan Lasarewitsch:
„Ich danke dir, F?rstin, f?r den guten Rat!»
Und begann sich zu verabschieden.
Sie wollten ihn ?berreden, wenigstens noch einen Tag zu bleiben. Aber Jeruslan Lasarewitsch blieb bei seinem Entschlu? und ritt nach dem Debrischen Zarenreich zu den drei Schwestern.
Er reitet auf dem Wege, von dem ihm die F?rstin gesprochen hat. Er ritt sehr lange und erblickte schon von ferne das wei?e Leinenzelt. Er kam zu diesem Zelt, stieg vom Pferd und trat ins Zelt.
Die drei sch?nen Schwestern sa?en an ihrer Handarbeit: die eine n?hte, die andere schnitt die kostbaren Kleider zu. Sie erblickten den teuren Gast, wurden verwirrt, begannen hin und her zu laufen und wu?ten nicht, was sie tun sollten. Da sagte Jeruslan Lasarewitsch:
„Habt keine Angst, ihr Sch?nen! Ich bin nicht als Feind zu euch gekommen. Im Gegenteil, ich habe von euch viel Gutes geh?rt und wollte euch kennenlernen!»
Da err?teten die Jungfrauen und betrachteten den Recken. Er aber trat zur j?ngsten, Leila mit Namen, und sagte folgendes:
„Liebe Leila, sag doch, gibt es auf der Welt eine, die sch?ner ist als du?»
Da sagte Leila:
„Was bin ich schon f?r eine Sch?nheit! Aber F?rst Wachramej hat eine Tochter, Nastasja Wachramejewna, das ist eine Sch?nheit: auf der Stirn brennt ihr ein Stern, unter dem Zopf gl?nzt ein Mond, und wenn sie zu sprechen beginnt, ist’s, als ob ein B?chlein rauscht, und wenn sie blickt — als ob sie einen Silberrubel schenkt.»
„Und sage, teure Leila, gibt es auf der Welt ei¬nen, der st?rker ist als ich, au?er Iwan dem russischen Recken?»
„Ich habe geh?rt», sagt Leila, „im Zarenreich Dalmatien gibt es einen Recken, genannt Iwaschka Wei?er Mantel, Sorotschinsker M?tze. An dem, sagt man, ist noch kein Tier vorbeigelaufen, noch kein Vogel vorbeigeflogen und noch kein Recke vorbeigeritten. Doch wer von euch st?rker ist, kann ich nicht sagen: ihr habt eure Kr?fte noch nicht miteinander gemessen.’
Jeruslan Lasarewitsch unterhielt sich noch ein wenig und verabschiedete sich dann.
Er trat hinter das wei?e Leinenzelt, wo ihn das Pferd Schwarzer Sturmwind erwartete, sprang auf sein Pferd und sprengte rasch davon wie ein st?hlerner Pfeil, der vom straffen Bogen geschossen wurde.
Die wundersch?ne Leila aber blickte ihm lange nach, und die Tr?nen rollten ihr ?ber die Wangen: gar zu sehr hatte ihr Jeruslan der Recke gefallen.
Jeruslan Lasarewitsch ritt und ritt und wollte ins Zarenreich Dalmatien reiten, dann aber ?nderte er seinen Sinn und dachte an Zar Wachramej und an Nastasja Wachramejewna.
Und was ist, wenn ich zum Zaren Wachramej reite und Nastasja Wachramejewna mir gef?llt? Aber ich habe meine Eltern nicht um den Segen gebeten! Ich will doch lieber zu meinen Eltern reiten und ihren Segen erbitten.
Das tat er auch. Er wendete sein Pferd und sprengte davon in seine Stadt.
Es war nicht mehr sehr weit bis zu seiner Stadt, da sieht er auf einmal und traut seinen Augen nicht: rings um seine Stadt steht ein un?bersehbares feindliches Heer. Und er erfuhr, da? F?rst Danilo Bely vor die Stadt gezogen ist. Und er will ihr Zarenreich zerschlagen, keinen Stein auf dem anderen lassen und alle Recken in die Gefangenschaft f?hren.
Sobald Jeruslan Lasarewitsch das erfahren hatte, wurde er sehr zornig, zog seinen Sattel fester an, nahm die lange Lanze, das st?hlerne Schwert und st?rzte sich in das feindliche Heer.
Die Krieger der Horde schrien auf, lie?en ihren Kriegsruf erschallen, umringten Jeruslan Lasarewitsch von allen Seiten und begannen auf ihn einzudringen.
Jeruslan Lasarewitsch nahm sein Schwert und begann rechts und links ein Gemetzel. Und doch erschlug er mit seinem Schwert nicht so viel Feinde, wie sein Pferd mit dem Huf zertrat.
Lange gaben sich die Feinde nicht geschlagen, aber endlich wurden sie matt und begannen zu weichen.
Aber Jeruslan Lasarewitsch schonte keinen einzigen Feind, sondern schlug immer st?rker und st?rker zu.
Und auf einmal sieht er den F?rsten Danilo Bely. Er setzte ihm nach, holte ihn ein und warf ihn aus dem Sattel.
F?rst Danilo Bely bat um Gnade, und Jeruslan Lasarewitsch nahm ihm einen Eid ab — nie mehr gegen die Stadt zu ziehen, wo Lasar Lasarewitsch lebte.
Und zum Zeichen des Eides a? Danilo Bely eine Handvoll Erde. Und Jeruslan Lasarewitsch lie? Danilo Bely frei.
Das alles aber hatten sie von der Stadt aus gesehen, doch wu?ten sie nicht, wer die feindlichen Horden vernichtet hatte.
Als Jeruslan Lasarewitsch ans Tor geritten kam, sperrten sie es auf und lie?en den Recken mit gro?en Ehren ein.
Er trat ein und begr??te seine Eltern. Vater und Mutter freuten sich sehr ?ber ihn, da? sie nicht imstande waren, die Tr?nen zur?ckzuhalten. Und zu Ehren der Ankunft des Sohnes gaben sie ein
Fest, da? die ganze Stadt drei Tage lang fr?hlich war.
Nach dem Fest aber sagte Jeruslan Lasare- witsch folgendes:
„Ich danke euch, Vater und Mutter, f?r das Fest — ich habe sch?n gefeiert. Nur bitte ich, mir zu vergeben. Ich habe noch nicht genug gefeiert. Mein ungest?mes Herz gebietet mir, durch die weite Welt zu streifen, mir die Menschen anzusehen und mich hervorzutun.»
Da sagt der Vater:
„Man kann den Falken nicht im engen K?fig zur?ckhalten!»
Sie segneten ihn und r?steten ihn aus f?r die Reise.
Und Jeruslan Lasarewitsch ritt fort ins dalmatische Zarenreich mit der Absicht, danach Nastasja Wachramejewna zu besuchen.
Er ritt und ritt, und das dalmatische Reich war schon zu sehen. Er sieht sich um: und wo ist der W?chter Iwaschka Wei?er Mantel? Hat jemand ihn erschlagen, oder ist er eines nat?rlichen Todes gestorben?
Er sah sich noch weiter um und sagt:
„Ach, da ist ja Iwaschka! Ich erkenne ihn am wei?en Mantel und der Sorotschinsker M?tze.»
Er ritt zu Iwaschka und sieht: Iwaschka hat sich auf seinen langen Speer gest?tzt und schl?ft fest. Und in diesem Augenblick nimmt Jeruslan Lasarewitsch seine Peitsche, schl?gt Iwaschka auf seine Sorotschinsker M?tze und sagt dazu:
„Warum schlaft Ihr im Stehen? Wackere Recken schlafen nicht im Stehen!»
Iwaschka wachte auf und begann mit grober Stimme zu sprechen:
„Was bist du denn f?r ein Recke? Was hast du hier zu suchen? Wei?t du nicht, da? an meiner Grenzwache kein Tier vorbeirennt, kein Vogel vorbeifliegt und kein Recke vorbeireitet? Und du hast dich erdreistet, mich mit der Peitsche zu schlagen. Was bist du eigentlich f?r ein Naseweis?» Jeruslan Lasarewitsch sagt: „Ich will Euer dalmatisches Zarenreich besu¬chen, aber ohne deine Genehmigung kann ich das nicht.»
Und Iwaschka sagt:
„Nein, so lasse ich dich nicht fort. Wir wollen unsere Kr?fte messen. Wenn du siegst — lasse ich dich vorbei. Wenn du nicht siegst, hast du am l?ngsten gelebt.»
Jeruslan Lasarewitsch beschlo? zu versuchen, wer st?rker ist. Sie ritten auseinander und flogen dann aufeinander zu.
Jeruslan traf Iwaschka mit dem stumpfen Lan-zenende. Und von diesem Sto? flog Iwaschka ohnm?chtig aus dem Sattel. Und das Pferd Jeruslan Lasarewitschs trat Iwaschka auf den Halsschutz der R?stung und dr?ckte ihn gegen die Er¬de. Da setzt Jeruslan Lasarewitsch seine Lanze auf Iwaschkas Brust und sagt:
„Nun, wie ist’s, Iwaschka, l??t du mich ein ins dalmatische Zarenreich oder nicht?» Iwaschka sagte:
„Du kannst gehen, wohin du willst.»
Jeruslan Lasarewitsch ritt nun geradewegs in die Hauptstadt zum dalmatischen Zaren. Kam in die Stadt und bat, ihn vorzulassen. Der Zar befahl, Jeruslan Lasarewitsch vorzulassen, und fragt:
„Sage, wackerer Held, wie hei?t du?»
„Ich hei?e Jeruslan Lasarewitsch.»
„Und wie bist du denn, wunderbarer Recke, an meiner Grenzwache vorbeigekommen, und wie hat sich mein treuer W?chter Iwaschka Wei?er Mantel, Sorotschinsker M?tze, erdreistet, dich vorbeizulassen? An ihm ist noch kein Tier vorbeigerannt, noch kein Vogel vorbeigeflogen und noch kein Mensch vorbeigeritten!»
Jeruslan Lasarewitsch antwortet:
„Es ist richtig, dein W?chter hat mich nicht vorbeilassen wollen. Aber wir haben unsere Kr?fte gemessen, und er war schw?cher als ich, da mu?te er mich vorbeilassen.»
Der dalmatische Zar erschrak und sagte zu sich:
„Es ist da ein Recke angekommen, ich wei? nicht warum und weswegen. Gewi? will er sich mein Zarenreich aneignen. Wenn er schon Iwaschka besiegt hat, dann wird er mein Heer wie Krautk?pfe zusammenhauen und sich mein Zarenreich aneignen.»
Er sprach freundlich mit Jeruslan Lasarewitsch und bewirtete ihn mit allen erdenklichen Weinen. Jeruslan Lasarewitsch l??t sich bewirten und sieht, da? der dalmatische Zar ihn f?rchtet. Er dankte ihm f?r die Gastfreundschaft und ritt sogleich aus dem dalmatischen Zarenreich.
Jeruslan Lasarewitsch ritt mit der Absicht, Nastasja Wachramejewna aufzusuchen, und auf einmal begegnet ihm ein Wanderer.
Dieser Wanderer verneigte sich tief vor Jeruslan Lasarewitsch und sagte:
„Viele Jahre Gesundheit, Jeruslan Lasare- witsch!»
Jeruslan Lasarewitsch h?rte diese Worte, hielt sein Pferd an und fragte:
„Woher kennst du mich denn, Greis?»
„Wie soll ich dich nicht kennen? Du bist doch aus einer Stadt mit mir.»
„Und bist du schon lange von dort fort, Alter?»
„Schon einen Monat.»
„Und was geht dort vor sich?»
„Ach, Jeruslan Lasarewitsch! Ich sehe, du hast keine Ahnung. Ein solches Ungl?ck ist ?ber unsere Stadt hereingebrochen! F?rst Danilo Bely ist vor die Stadt gezogen und hat sie ganz zerst?rt, keinen Stein auf dem anderen gelassen. Alle Recken hatte er in die Gefangenschaft gef?hrt, deinem Vater und den Recken die Augen ausgestochen!»
Als Jeruslan Lasarewitsch das geh?rt hatte, war ihm, als w?rde ihm das ungest?me Herz herausgerissen. Er wendete sein Pferd und jagte ins Zarenreich des F?rsten Danilo Bely. Er kam zu dem Gef?ngnis, in dem sein Vater, seine Mutter und alle Recken eingeschlossen waren. Aber die W?chter lie?en ihn nicht heran.
Da sagt er von ferne:
„Viele Jahre Gesundheit dir, liebe Mutter, und dir, lieber Vater, und allen Recken!»
Das h?rte Lasar Lasarewitsch und sagt:
„Treibe nicht deinen Spott, guter Mann. Du bist nicht mein Sohn. Wenn mein Sohn hier w?re, dann s??en wir nicht in diesem Gef?ngnis und erlitten nicht solche Qualen.»
„Glaube mir, teurer Vater, ich bin in Wahrheit Euer Sohn. Einen Eid hatte mir Danilo Bely geschworen, unsere Stadt nicht anzutasten. Und danach ist er gegen Euch gezogen und hat Euch die Augen ausgestochen. Lieber Vater, ich bin bereit, alles auf der Welt zu opfern, um Euch die Augen zur?ckzugeben, aber ich bin nur ein schwacher Mensch.»
„Es scheint, ich erkenne ihn: das ist mein Sohn, Jeruslan Lasarewitsch! Das bist du, mein lieber Sohn», schrie Lasar Lasarewitsch. „Reite nach der Stadt Stschetin, in dieser Stadt regiert ein Zar mit Namen Feuerschild-Flammenspeer. Wer diesen Zaren erschl?gt und seine Galle nimmt und in den Bergen noch das Wasser des Lebens findet und mit diesem Wasser des Lebens die Augen w?scht, der gibt uns das Augenlicht wieder.»
Sobald Jeruslan Lasarewitsch das geh?rt hatte, beschlo? er, sogleich nach der Stadt Stschetin zu reiten. Er ging weg vom Gef?ngnis, bestieg sein Pferd und sprengte davon.
Er ritt und ritt und stie? pl?tzlich auf eine gro?e geschlagene Streitmacht. In ihrer Mitte aber lag ein Kopf von gewaltiger Gr??e, wie ein Heuschober, und dieser Kopf schnarchte in allen Tonarten.
Jeruslan Lasarewitsch rief:
„Wie steht’s, ist auf diesem Schlachtfeld noch einer am Leben oder nicht?»
Der Kopf ?ffnete die Augen und g?hnte:
„Was willst du, starker Recke?»
„Sage doch bitte, wem geh?rt diese gro?e Streitmacht?»
„Diese gro?e Streitmacht geh?rt einem Zaren mit Namen Feuerschild-Flammenspeer.»
„Und wer hat diese gro?e Streitmacht geschlagen?»
„Geschlagen habe ich sie, Roslanja der Recke», antwortet der Kopf.
„Ja, wie hat sich denn das zugetragen? Die gro?e Streitmacht hast du geschlagen und liegst jetzt selber hier?»
„Das hat sich wie folgt zugetragen», antwortet der Kopf. „Mein Vater hatte fr?her einen heftigen Kampf mit dem Vater des Zaren Feuerschild- Flammenspeer. Er schlug meinen Vater. Ich war noch zu klein. Aber als ich herangewachsen war, wollte ich am M?rder meines Vaters Rache nehmen und wollte Feuerschild mit Krieg ?berziehen. Mein Bruder sagte mir folgendes: ,?berziehe Feuerschild nicht mit Krieg. Wenn du auch t?chtig bist, aber Feuerschild wird dich besiegen, weil ihm kein Schwert etwas anhaben kann. Wenn du aber siegen willst, dann reite zuerst durch dreimal neun L?nder auf die Insel Bujan. Dort liegt in einem Keller ein st?hlernes Schwert. Hast du dieses Schwert geholt, kannst du Feuerschild besiegen.’ Ich ?berlegte nicht lange, machte mich auf nach dieser Insel Bujan, suchte dort den Keller, ri? ihn ein und fand das st?hlerne Schwert. Ich nahm diese Waffe voll Freude und dachte — der Sieg wird auf meiner Seite sein.
Ich ritt vor die Stadt Stschetin und stie? in mein Kriegshorn. Als Feuerschild erfuhr, was los war, sammelte er sein Heer und zog selbst gegen mich zu Felde. Aber sie sind alle auf dem Schlachtfeld geblieben. Feuerschild sah, da? sein ganzes Heer geschlagen war, und flog ungest?m auf mich zu. Er hoffte, kein Schwert werde ihm etwas anhaben k?nnen. Doch ich traf ihn mit dem Schwert, und er st?rzte aus dem Sattel.
Da begannen die Diener Feuerschilds zu sprechen:
,Auf, Held! Schlag nur noch einmal zu, damit er merkt, mit wem er es zu tun hat!’
Ich schlug kurzerhand noch einmal zu. Wie ich zugeschlagen hatte, geschah ein gro?es Wunder: das Schwert sprang von selbst zur?ck und schlug mir den Kopf ab. Da merkte ich, da? ich nicht mehrmals schlagen durfte. Mein Bruder sprang rechtzeitig herzu, ri? mir das Schwert aus den H?nden und legte es mir unter den Kopf. Viele vorbeiziehende Recken wollten das Schwert unter meinem Kopf hervorholen. Doch niemandem habe ich dieses Schwert ?berlassen. Auch jetzt ist es unter meinem Kopf verwahrt.»
All das erz?hlte der Kopf Roslanjas des Recken dem Jeruslan und fragte ihn:
„Und wohin reitest du?»
Jeruslan Lasarewitsch sagte:
„Ich reite gerade zu diesem Feuerschild- Flammenspeer.»
„Und weswegen reitest du dorthin?»
„Unsere Stadt hat F?rst Danilo Bely ?berfallen, hat Vater, Mutter und alle Recken in die Gefan¬genschaft gef?hrt und ihnen die Augen ausgestochen. Da haben sie mir gesagt: du mu?t in die Stadt Stschetin reiten, dort Wasser holen und damit die Augen bestreichen. Dann werden mein Vater, meine Mutter und alle Recken wieder sehen. Deswegen also reite ich.»
„Nein, Jeruslan Lasarewitsch, wenn du auch reitest, so erreichst du doch nichts.»
„Und warum?»
„Darum, weil dieser Feuerschild freiwillig niemals etwas gibt. Er hat die Gewohnheit, seine Kr?fte zu messen. Siegst du — gibt er, siegst du nicht — gibt er nicht. Besiegen aber kannst du ihn nicht, weil ein einfaches Schwert ihm nicht einmal eine kleine Schramme zuf?gt. Ich werde dir mein Schwert ?berlassen. Ohne dieses Schwert kannst du Feuerschild auf keine Weise bezwingen. Aber leiste mir einen Dienst: wenn du ihn erschlagen hast, nimm ihm die Galle heraus, bestreiche mit ihr meinen Hals, f?ge meinen Kopf daran — und ich werde wieder aufstehen.»
Jeruslan Lasarewitsch gab Roslanja dem Recken das eidliche Versprechen, Wasser des Lebens zu bringen und auch die Galle Feuerschilds zu holen.
Sogleich fuhr der Kopf Roslanjas des Recken von dem Schwert herunter, und Jeruslan Lasare- witsch erblickte dieses kostbare, unbezwingbare
Schwert. Jeruslan Lasarewitsch nahm das Schwert und ritt zur Stadt Stschetin.
Er ritt bis zur Grenze, doch hier wollten sie ihn nicht durchlassen. Jeruslan Lasarewitsch bat, sie sollten ihn vor Feuerschild lassen. Sobald die Diener ihrem Zaren von ihm berichtet hatten, kam der Zar selber an der Spitze eines kleinen Heeres zur Grenze geritten. Sie begannen miteinander zu verhandeln. Aber wie sehr Jeruslan Lasarewitsch ihn auch bat, er konnte keinen Tropfen Wasser von ihm erbitten.
Es blieb Jeruslan Lasarewitsch nichts anderes ?brig, als mit Feuerschild-Flammenspeer zu k?mpfen. Sie stellten ihre schnellen Pferde einander gegen?ber auf und jagten aufeinander los. Wie Jeruslan Lasarewitsch mit seinem Schwert zuschlug, wurde es Feuerschild schwarz vor Augen, und er sank ohnm?chtig zu Boden. Die Krieger Feuerschild-Flammenspeers aber schrien sogleich:
„Drauf, Held, drauf! Schlag noch einmal zu, damit er merkt, mit wem er es zu tun hat!»
Aber Jeruslan Lasarewitsch dachte an die Lehren Roslanjas des Recken und sagte:
„Ein wackerer Recke schl?gt einmal zu, aber richtig!»
Und steckte das Schwert in die Scheide.
Die Krieger warfen sich auf Jeruslan Lasarewitsch und wollten ihn ?berwinden. Aber sie fielen alle von seiner Hand.
Jeruslan Lasarewitsch sieht — auf keiner Seite gibt es noch Widerstand; er nahm Feuerschild die
Galle heraus und ritt danach in die Berge nach dem Wasser des Lebens. Sch?pfte ein Fl?schchen voll Wasser des Lebens, verschlo? es fest, legte es in seinen Mantelsack und ritt zur?ck zur Hauptstadt des F?rsten Bely.
Er kam zum Kopf Roslanjas, bestrich ihm den Hals mit der Galle, rollte den Kopf zum Rumpf, f?gte beides dicht zusammen und sprengte aus dem Fl?schchen Wasser des Lebens darauf. Roslanja der Recke begann zu atmen und stand bald wieder auf den F??en. Er dankte Jeruslan Lasarewitsch daf?r, da? er ihn wieder lebendig gemacht hatte. Und Jeruslan Lasarewitsch dankte ihm f?r das st?hlerne Schwert. Er wollte Roslanja das Schwert zur?ckgeben, aber Roslanja schenkte Jeruslan Lasarewitsch dieses Schwert als Zeichen des Dankes. Und Jeruslan Lasarewitsch sprengte auf seinem Pferd davon nach dem Reich Danilo Belys.
Als er ankam, ging er sogleich in den Kerker zu den Gefangenen. Er betrat den Kerker, bestrich allen die Augen mit der Galle und besprengte sie mit dem Wasser. Bald konnten sein Vater, seine Mutter und alle Recken wieder sehen. Da ?bergab Jeruslan Lasarewitsch den Danilo Bely wegen seines Eidbruchs dem Tode, er selber aber ritt nach dem Zarenreich des Zaren Wachramej.
Jeruslan Lasarewitsch trat vor den Zaren Wachramej. Aber der Zar war in gro?er Best?rzung und sagte folgendes:
„Warum, wackerer Recke, seid Ihr zu uns ins Zarenreich gekommen, und wie seid Ihr nicht in
Gefahr geraten? Wir k?nnen nicht vor das Stadttor gehen.»
„Warum k?nnt Ihr nicht vor das Stadttor gehen?» fragte Jeruslan Lasarewitsch.
„Deswegen», sagte Wachramej, „weil ein dreik?pfiger Drache unser Zarenreich ?berfallen hat und jeden Tag drei Menschen fri?t. Schon viele Menschen hat er in meinem Reich gefressen. Wir haben uns eingeschlossen und gehen nicht mehr aus der Stadt heraus. Und es erwartet uns der Hungertod.»
Jeruslan Lasarewitsch fragt:
„Wo befindet sich denn bei Euch dieser Drache? Ist irgendwo sein Pfuhl?»
„Und wozu braucht Ihr diesen Pfuhl, wackerer Recke?»
„Ich m?chte den Drachen sehen, und vielleicht wage ich es, mit ihm zu k?mpfen.»
Zar Wachramej freute sich:
„Wenn Ihr den Drachen erschl?get, belohnte ich Euch mit dem halben Zarenreich!»
Jeruslan Lasarewitsch ritt durch das Stadttor, geradewegs zu einem See, der von der Stadt vier Werst entfernt war, und stie? in sein Kriegshorn. Diesen Ruf h?rte das Ungeheuer, erschien an der Oberfl?che des Sees und schwamm zum Ufer. Und als es ans Ufer sprang, erschrak das Pferd Jerus- lan Lasarewitschs und scheute. Jeruslan Lasarewitsch zog die Z?gel an, und das Pferd ging widerwillig dem Drachen entgegen. Das Pferd kam n?her, Jeruslan Lasarewitsch zog sein st?hlernes Schwert, st?rzte sich auf den Drachen und schlug nach ihm. Doch der Drache war dem Hieb ausgewichen, packte Jeruslan Lasarewitsch mit den Z?hnen am Bein, zerrte ihn aus dem Sattel und schleppte ihn nach dem See.
Gro? war die Kraft des Drachen, doch Jeruslan Lasarewitschs Kraft war gr??er. Jeruslan Lasarewitsch sprang auf einem Bein heran, packte mit beiden H?nden die Kiefer des Drachen und zog sie so weit auseinander, da? sein Bein freikam; dann sprang er dem Drachen auf den R?cken, holte mit seinem Schwert aus und wollte dem Drachen den Kopf abschlagen.
Da begann der Drache mit Menschenstimme zu sprechen und bat Jeruslan Lasarewitsch, er solle ihn nicht dem Tode ?bergeben und ihm nicht den Kopf abschlagen. Aber Jeruslan Lasarewitsch holte mit dem Schwert aus und wollte ihm wieder den Kopf abschlagen. Da versprach der Drache Jeruslan Lasarewitsch verschiedene Geschenke und sogar einen kostbaren Ring, das Wertvollste, was es auf der ganzen Welt gab.
Da befahl Jeruslan Lasarewitsch:
„Gib erst das Geschenk, dann k?nnen wir ?ber dich sprechen!»
Aber er klettert nicht von dem Drachen herunter.
Der Drache tauchte mit Jeruslan Lasarewitsch geradewegs in den See, und Jeruslan Lasare¬witsch fand sich im Neste des Drachen. Der Drache holte einen herrlichen Ring hervor und bot ihn Jeruslan Lasarewitsch an.
Jeruslan Lasarewitsch gefiel dieses kostbare Geschenk, und er befahl dem Drachen, ihn ans Ufer zu tragen. Und der Drache war unter Jeruslan Lasarewitsch schon gef?giger als ein H?hnerhund geworden, und was immer Jeruslan Lasare- witsch befahl, das machte er alles.
Schnell brachte er den Recken ans Ufer. Er hatte ihn ans Ufer gebracht, da fragte Jeruslan Lasarewitsch den Drachen:
„Wirst du wieder ins Zarenreich Wachramejs gehen und Menschen fressen?»
„Nein, wunderbarer Recke, ich schw?re jeden Eid, den du willst, da? ich nicht einen einzigen Menschen im Zarenreich Wachramejs anr?hren werde.»
„Und wovon willst du dich dann ern?hren?»
Der Drache antwortet:
„Ich werde mich allein von Fischen ern?hren.»
Da sagte Jeruslan Lasarewitsch:
„Ich glaube nicht, da? du keinen einzigen Menschen mehr anr?hrst.»
Er holte mit dem Schwert aus, und die K?pfe flogen vom Drachen wie die Kapseln vom Mohn.
Jeruslan Lasarewitsch nahm diese K?pfe, steckte sie an seine Lanze und ritt in die Hauptstadt des Zaren Wachramej. Mit gro?em Triumph wurde Jeruslan Lasarewitsch begr??t, und von allen Sei¬ten schrien sie „Hurra!»
Und dem Zaren Wachramej wurde mitgeteilt, irgendein Recke hat den Drachen erschlagen und tr?gt alle drei K?pfe auf seiner Lanze.
Zar Wachramej ging Jeruslan Lasarewitsch entgegen und f?hrte ihn ins sch?nste Zimmer, wo Tische mit allen m?glichen Speisen und herrlichen Getr?nken gedeckt waren.
Sie setzten Jeruslan Lasarewitsch an einen Tisch, trugen ihm auf und bem?hten sich, ihn aufs beste zu bewirten.
Sie bewirteten Jeruslan Lasarewitsch, aber er sah immer auf Nastasja Wachramejewna.
Als eine g?nstige Stunde gekommen war, sprach Zar Wachramej die folgenden Worte:
„Was willst du daf?r, wunderbarer Recke, da? du uns vom unvermeidlichen Verderben gerettet und den Drachen erschlagen hast? Sprich ohne Scheu, alles, was du willst, wird ausgef?hrt wer¬den!»
Jeruslan Lasarewitsch blickte auf Nastasja Wachramejewna und erk?hnte sich, die folgenden Worte auszusprechen.
„Ich habe geh?rt, Ihr h?ttet dem, der den Drachen t?tet, das halbe Reich angeboten. Versagt mir nicht die Hand Eurer Tochter!»
Zar Wachramej blickte auf seine Tochter und erkannte, da? sie mit einem solchen Antrag einverstanden war. Es wurde der Tag der Trauung festgesetzt, und am ?ndern Tag zw?lf Uhr mittags wurden Jeruslan Lasarewitsch und Nastasja Wach-ramejewna miteinander getraut. Da gaben sie ein Fest, wie man so sagt, f?r alle Welt. Kein einziger in der Stadt blieb ohne Bewirtung oder wurde ?bergangen. Alle wurden aufs beste bewirtet.
Jeruslan Lasarewitsch lebte gut mit seiner jungen Gemahlin Nastasja Wachramejewna. Und als er ein Jahr so gelebt hatte, bekam er Sehnsucht nach Vater und Mutter. Er wollte hinreiten und sehen, wie es ihnen geht. Er forderte Nastasja Wachramejewna auf mitzukommen.
Aber sie antwortete wie folgt:
„Froh w?re ich, mich nicht von dir zu trennen, Jeruslan Lasarewitsch, aber du siehst ja, was f?r eine Zeit jetzt f?r mich kommt!»
Da holte Jeruslan Lasarewitsch den kostbaren Ring hervor, den ihm der Drache gegeben hatte, und sagte:
„Hier, mein liebes Weib: wird dir eine Tochter geboren, dann heb ihr den Ring bis zur Hochzeit auf. Wird aber ein Sohn geboren, dem kannst du diesen Ring sogleich schenken.»
Er nahm Abschied von seiner Frau, sattelte sein Pferd und ritt davon.
Nastasja Wachramejewna blickte ihm nach, er verneigte sich zum letztenmal vor ihr und entschwand ihren Augen.
Jeruslan Lasarewitsch ritt lange Zeit und kam schlie?lich auf eine weite Lichtung. Und inmitten dieser weiten Lichtung war ein herrliches Schlo?, und rings um das Schlo? ein herrlicher Park. Es war schon sp?t, und als Jeruslan Lasarewitsch das Schlo? betrachtete, erblickte er eine sch?ne Jungfrau, Pulichurija mit Namen. Und er h?rt, die Jungfrau singt mit wunderbarer Stimme irgendein Lied.
Jeruslan Lasarewitsch wendet sein Pferd und reitet zum Schlo?. Kaum war er angekommen, band er sein Pferd an den Ehrenpfahl und wurde von Pulichurija begr??t, die den Gast in ihr herrliches Schlo? f?hrte, an einen Tisch setzte und ihn mit den kostbarsten Speisen bewirtete. Und diese Pulichurija verstand es, Jeruslan Lasarewitsch so zu umgarnen, da? er ein Jahr bei ihr blieb, und das Jahr war ihm wie ein Tag vorgekommen. Im zweiten Jahr wollte er weiterreiten, ihm aber schien es der zweite Tag zu sein. Pulichurija verstand es wieder, ihn zu umgarnen, und sagt:
„Warum bleibt Ihr nicht noch f?r einen Tag? Ihr kommt schon noch zu Vater und Mutter — Ihr habt gen?gend Zeit!»
Jeruslan Lasarewitsch erkl?rte sich einverstanden, noch einen Tag ihr Gast zu sein, und als er den zweiten Tag geblieben war, hatte er selbst nicht gemerkt, da? schon zwei Jahre vergangen waren. Er entschlo? sich, am dritten Tag zu rei¬ten, aber Pulichurija zog sich so pr?chtig an und war so z?rtlich zu ihm, da? Jeruslan Lasarewitsch sich einverstanden erkl?rte, einen dritten Tag bei ihr zu bleiben. Und wei? selber nicht, da? er schon das dritte Jahr bei ihr lebt. So lebte nun Je- ruslan Lasarewitsch einen Tag um den anderen bei der wundersch?nen Pulichurija. Und es schien ihm, er lebt bei ihr neun Tage, in Wirklichkeit aber sind es neun Jahre. Er entschlo? sich, den zehnten Tag zu bleiben. Und da erschien in Pulichurijas Bannwiesen pl?tzlich ein junger sch?ner Recke.
Als Pulichurija sah, da? irgendein Recke auf und ab durch ihre Bannwiesen reitet, schickt sie ihre Leibw?chter, dem J?ngling eine Lehre zu erteilen. Ihr Leibw?chter ritt hinaus, doch kaum war er zu dem J?ngling gekommen, da lag er schon tot auf der Erde. Pulichurija erschrak und schickte einen zweiten Recken. Und den zweiten Recken ereilte das gleiche Geschick. Da schickte Pulichurija den dritten Recken. Und der dritte fiel gleichfalls von der Hand des J?nglings. Pulichurija hatte keine Recken als Leibw?chter mehr. Sie kam zu Jeruslan Lasarewitsch und bat ihn, er solle reiten und dem J?ngling eine Lehre erteilen.
Jeruslan Lasarewitsch sattelte sein Pferd, nahm seine Lanze und ritt auf die Wiese.
Kaum war er bei dem J?ngling und wollte ihm einen Schlag versetzen, da erhielt er im gleichen Augenblick einen so heftigen Sto? gegen die Brust, da? er im Sattel schwankte. Doch der J?ngling konnte sich gleichfalls nicht halten und flog aus dem Sattel wie eine Garbe Hafer. Jeruslan Lasarewitschs Pferd aber trat dem J?ngling auf den Halsschutz der R?stung und dr?cke ihn gegen die Erde.
Jeruslan Lasarewitsch wendet seine Lanze, setzt sie mit dem stumpfen Ende dem J?ngling auf die Brust und sieht pl?tzlich, Wunder ?ber Wunder, Staunen ?ber Staunen, an der Hand des J?nglings einen Ring gl?nzen.
Jeruslan Lasarewitsch nahm die Lanze von der Brust des J?nglings und fragt ihn: „Sage, J?ngling, wie hei?t du?»
„Ich hei?e Jeruslan Jeruslanowitsch.»
„Und aus welchem Zarenreich bist du?»
„Aus dem Zarenreich Wachramejs.»
Jeruslan Lasarewitsch springt vom Pferd, umarmt den jungen Recken und sagt:
„Bist du’s, mein lieber Sohn? Beinahe w?re ich dein M?rder geworden!»
Jeruslan Lasarewitsch und sein Sohn k??ten sich, und erst da begriff er, da? er bei Pulichurija nicht neun Tage, sondern neun Jahre gelebt hatte. Von einer solchen Verf?hrerin wollte er sich nicht einmal verabschieden und ritt mit Jeruslan Jeruslanowitsch zu seiner jungen Frau.
Er kam nach Hause und sieht: seine Frau Na- stasja Wachramejewna ist ganz abgeh?rmt, und ihre Haare sind wei? geworden. Er bekannte ihr reuig sein Vergehen. Und seit der Zeit gab Jeruslan Lasarewitsch sich selbst das Wort, niemals von seiner Frau Anastasija Wachramejewna fortzureiten, ihr keinen Kummer zu bereiten.
Und nun setzt sich Jeruslan Lasarewitsch an den Tisch, nimmt Feder und Papier und beginnt, drei Briefe zu schreiben.
Den ersten Brief schrieb er an Vater und Mutter, den zweiten Brief an Iwan den russischen Recken, seinen ?lteren Wahlbruder, und den dritten an den Recken Roslanja, der ihm das kostbare st?hlerne Schwert geschenkt hatte. Und er r?stete seinen Sohn zur Reise und sagt ihm folgendes:
„Bringe diesen Brief meinem Vater Lasar Lasarewitsch, deinem Gro?vater, und ?bergib ihn pers?nlich. Und wenn du eine Weile bei ihnen zu Gast gewesen bist, dann bringe den zweiten Brief meinem Wahlbruder Iwan dem russischen Recken. Und den dritten Brief bringe ins bragilsche Zarenreich und ?bergib ihn Roslanja dem Recken!»
Jeruslan Jeruslanowitsch sattelte sein Pferd, nahm Abschied von Vater und Mutter und machte sich auf den Weg.
Er ritt und ritt und sah endlich die Stadt, wo Lasar Lasarewitsch lebte.
Jeruslan kam zum Hof Lasar Lasarewitschs und bat, sie sollten ihn einlassen. Obwohl er noch sehr jung war, lie? man ihn trotzdem ein.
Jeruslan Jeruslanowitsch ?berreichte Lasar Lasarewitsch den Brief, und Lasar Lasarewitsch sieht vor sich einen Enkel, nicht schlechter als der Vater Jeruslan Lasarewitsch. Er bewirtete ihn nicht mit Kornbranntwein, sondern nur mit s??en Getr?nken.
Jeruslan Jeruslanowitsch blieb eine Weile zu Gast bei seinem Gro?vater und ritt dann zu Iwan dem russischen Recken.
Er ?berreichte Iwan dem russischen Recken den Brief, und als Iwan der Recke ihn gelesen hatte, schrieb er auf der Stelle auch seinerseits einen Brief und befahl, ihn Jeruslan Lasarewitsch zu ?bergeben.
Jeruslan Jeruslanowitsch ritt weiter und kam zu Roslanja dem Recken. Er blieb eine Weile bei ihm zu Gast, und als er sich zur Heimreise r?stete, bat Roslanja der Recke, er m?ge seinen Brief Jeruslan Lasarewitsch ?bergeben.
Jeruslan Jeruslanowitsch brachte seinem Vater alle drei Briefe. Seine Eltern setzten sich an den Tisch und begannen die Briefe zu lesen.
Zuerst von Lasar Lasarewitsch. Und in diesem Brief war folgendes geschrieben:
„Gesundheit w?nschen wir dir f?r viele Jahre, unser lieber Sohn! Wir sind sehr froh, da? wir ei¬nen solchen Recken zum Enkel haben und da? wir ihn vor unserem Ende gesehen haben.»
Sie nahmen den zweiten Brief. Und darin war folgendes geschrieben:
„Viele Jahre Gesundheit dir, Jeruslan Lasare- witsch. Dein Bruder, Iwan der russische Recke, schickt dir seinen Gru? und w?nscht dir alles Gute! Und ?ber Euer S?hnchen sage ich das folgende: ,Ich bin sehr froh, da? du einen solchen Sohn hast.
Als sie den dritten Brief ansahen, war darin folgendes geschrieben:
„Viele Jahre Gesundheit Euch, Jeruslan Lasarewitsch! Ich, der Recke Roslanja, schicke Euch meinen ergebenen Gru?! Ich w?nsche Euch das Allerbeste auf dieser Welt. Euer Recke Roslanja.»
Damit waren die Heldentaten Jeruslan Lasarewitschs zu Ende. Und nie mehr hat er sich von seiner Nastasja Wachramejewna getrennt und mit ihr in Liebe und Eintracht bis zum Tode gelebt.

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